Sonntag, 22. Oktober 2017

Yeziden / Jesiden / Êzîden - eine alte mittelöstliche Religion (aktualisiert)

Mausoleum
von Scheich Adi ibn Musafir,

in Lalish, Nordirak (Wikipedia)

Bei den Yeziden handelt es sich um eine religiöse, überwiegend kurdische  Minderheit.  
Sie praktiziert einen sehr alten monotheistischen Glauben. Wichtige Symbole der religiösen Tradition sind der Pfau und die 20strahlige Sonne als Gotteszeichen. 

Der jesidische Pfau
Mehr Infos: hier


Vermutlich verbinden sich in der yezidischen Glaubenstradition Elemente des Mithras-Kultes, des Zoroastrismus, des Islam mit sufischen Elementen, aber auch Einflüsse aus Judentum und dem orientalischem Christentum.
Mehr 




Die Verbreitungsgebiete der yezidischen Bevölkerung liegen bzw. lagen im nördlichen Irak, Nordsyrien, der Südosttürkei und im Iran.
Sie sind durch die Truppen des sog. Islamischen Staates massiven Verfolgungen, Ermordungen und Vertreibungen ausgesetzt gewesen.


  • Selbstorganisation der Yeziden im Ausland:
    Êzîden weltweit
  • Michael Blume: Der Baba Sheikh
    – Religiöses Oberhaupt der Yeziden und Reformer
    (sciLogs 27.01.2016)
  • Celalettin Kartal: Deutsche Yeziden.
    Geschichte – Gegenwart – Prognosen.

    Reihe: Religionen aktuell Bd 17.
    Marburg: Tectum Verlag 2016

    Rezension (Prof. Dr. Peter Antes): hier
  • Zur Kosmogonie der Yeziden bis Adam (englisch). Yezidi Stories, Open Edition, 28.10.2016
  • Khanna Omarkhali: The Yezidi Religious Textual Tradition.
    From Oral to Written. Categories, Transmission, Scripturalisation and Canonisation
     of the Yezidi Oral Religious Texts,

    Series:
    Studies in Oriental Religions 72,
    Harrassowitz, Wiesbaden, 2017, X, 625 p. ISBN 978-3-447-108560.
    Summary
    Public and academic interest in the Yezidis, their religion and culture, has increased greatly in recent years. The study of Yezidism has also made considerable progress in recent decades. Still, several lacunae in our knowledge remain, notably concerning many concrete aspects of the textual tradition. This book is a comprehensive study of the Yezidi religious textual tradition, containing descriptions of many hitherto unknown aspects of the oral transmission of Yezidi religious knowledge. It presents a detailed account of the ‘mechanisms’ underlying various aspects of the tradition. It shows how the religious textual tradition functioned – and to a certain degree still does – in its pre-modern way, and also describes the transformations it is currently undergoing, including the issues and processes involved in the increasing trend to commit religious knowledge to writing, and indeed to create a written Canon. The work contains several hitherto unpublished texts and the most comprehensive survey to date of the extant Yezidi sacred texts. It is accompanied by a CD with an extensive collection of recordings of texts.
  • Carsten Colpe zu Yeziden in: Iranier - Aramäer - Hebräer - Hellenen. --- Iranische Religionen und ihre Westbeziehungen. Tübingen: Mohr  2003, S. 535-536
  • Halil Savucu: Yeziden in Deutschland. Eine Religionsgemeinschaft zwischen Tradition, Integration und Assimilation.
    Marburg: Tectum Verlag 2016 [Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe: Religionswissenschaften Bd 3
  • Şefik Tagay und Serhat Ortaç: Die Eziden und das Ezidentum. Geschichte und Gegenwart einer vom Untergang bedrohten Religion.
    Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg 2016 
  • Yezidisches Forum Oldenburg (Hg.): Wer sind die Yeziden?
  • Wikipedia: Jesiden 
  • Jesiden / Yeziden - eine Minderheit in der Minderheit ---------------------  (SRF 09.08.2014)
  • Homepage der Ezidischen Akademie Hannover 
  • Kultur und Glauben der Jesiden
    - verteufelt und ewig missverstanden

    Ulrich von Schwerin in Qantara.de, 27.10.2014 

  • Keine Zukunftschancen für Jesiden im Irak (Domradio Köln, 20.02.2017)
  • Zur aktuellen Situation der Yeziden
    und der Schabak im Nordirak
    (Der Standard, Wien, 04.08.2014)


Die jesidische Sonne





Zur Wirkungsgeschichte des Zisterzienserordens (aktualisiert)

Mit der großen Zisterzienser-Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum Bonn (Sommer 2017 bis Januar 2018 ) wurde in beeindruckender Weise die europäische Bedeutung dieses Ordens dokumentiert:
LVR-Landesmuseum Bonn (Hg.): Die Zisterzienser: Das Europa der Klöster.
Darmstadt: Theiss (WBG) 2017, Abb., Glossar -
--- Rezension: hier (Buch des Monats August 2017)


Klosterkirche Pontigny (Burgund)
Immo Eberl: Die Zisterzienser. Geschichte eines europäischen Ordens.
Stuttgart: Thorbecke 2002, 616 S. ---- Neuauflage 2007: hier
In der europäischen Kulturentwicklung ist der Zisterzienser-Orden ein Phänomen. Er breitete sich als klösterliche Reformbewegung im 12. Jahrhundert geradezu rasant in ganz Europa aus. Sein entscheidender Promotor ist Bernhard von Clairvaux (ca. 1090 - 1153). Ein Blick in die deutschen Landschaften - besonders östlich der Weser - markiert eindrucksvoll, wie sich aus einer oft menschenfeindlichen Natur durch  Landkultivierung und Architektur Zivilisation entwickelte und gleichzeitig prägend wirkte. Dazu trug auch in erheblichem Maß der weibliche Zweig des Ordens bei.
Vor uns liegt nun eine Gesamtdarstellung der Ordensgeschichte; die nicht bei der Frühzeit stehen bleibt, sondern die Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart auszieht. Es ist eine ausgesprochen sorgfältig recherchierte und umfassend aufgebaute Arbeit, der man allerdings noch ein ausführliches Register gewünscht hätte, um die verschiedenen Aspekte der Ordensgeschichte und Klöster auch über "Quereinstiege" leichter zu finden als in dem nur grobe Überblicke gewährenden Inhaltsverzeichnis. Dies schiene mir umso wichtiger, als die Geschichte des Zisterzienserordens auch über Europa hinaus bedacht wird. Ich hätte mir auch gewünscht, dass die Ordensgeschichte im nord- und ostdeutschen Raum sowie in Osteuropa und Skandinavien noch mehr zur Sprache gekommen wäre. Vielleicht geschieht das jedoch durch die weitere Arbeit des Autors.
Zisterzienserkirche Pontigny - bewusst ohne Turm
Der Rezensent war übrigens mehrere Jahre Pfarrer in Hildesheim, zu dessen Gemeinde das ehemalige Zisterzienserkloster Marienrode gehörte.
Seit 1988 hat sich dort ein Benediktinerinnen-Konvent angesiedelt, der die alte klösterliche Tradition wieder aufgenommen hat.
Der  Autor des Bandes ist Immo Eberl, Leiter des Stadtarchivs Ellwangen/Jagst und apl. Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Tübingen, kein Ordensmitglied !
Sein Gesamtkonzept geht von den Anfängen in Frankreich und der Schlüsselrolle des Bernhard von Clairvaux Er zeigt die sich langsam aufbauenden Favoritenrolle, die der Orden bei Fürsten, Grafen und Wirtschaftsleuten bis hin zum Vatikan gewann. Dabei kommen jedoch die Beschreibungen von Spiritualität, Architektur, Kunst, Wissenschaft und Liturgie im Orden keineswegs zu kurz, ja nehmen das Hauptgewicht im vorliegenden Buch ein.
Spannend ist, wie die ersten Entwicklungsphasen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts durch andere Tendenzen bereits im Spätmittelalter und in der Reformationszeit abgelöst werden, wie aber auch innere Streitigkeiten der verschiedenen Observanzen und das sich ändernde Weltbild durch Barock, Aufklärung und Säkularisation. Es kommt schließlich zum Niedergang des Ordens und zu seiner teilweisen Auslöschung. Dem folgt erst am Ende des 19. Jahrhunderts ein langsamer Wiederaufstieg, in der die strenge Observanz (vgl. S. 499ff) letztlich die höhere Attraktivität hat, unabhängig davon, dass der Orden zu allen Zeiten gut mit den jeweils modernen Kommunikationsmitteln umzugehen wusste und weiß (Manuskriptverbreitung, Buchdruck, Internet). – Dieses Buch macht es deutlich: Der Zisterzienserorden wird auch in Zukunft zu den gesellschaftlichen Reformkräften gehören, wenn auch nicht mehr so plakativ wie im Mittelalter.


Die Rezension von Reinhard Kirste zum Buch von Immo Eberl erschien zuerst in:
Reinhard Kirste / Paul Schwarzenau / Udo Tworuschka (Hg.): Wegmarken zur Transzendenz.
Religionen im Gespräch, 
Bd. 8 (RIG 8). Balve: Zimmermann 2004, S. 458-459 


Altenberger Dom, Westfenster
Mehr zum Zisterzienerorden: hier 
    --- Jean-Francois LeRoux-Dhuys / Henri Gaud: Die Zisterzienser. Geschichte und Architektur. Aus dem Französischen. Potsdam: Ullmann 2013, 366 S., Abb.

    --- Jens Rüffer:
     Die Zisterzienser und ihre  Klöster.   Leben und Bauen  für Gott. 
     Darmstadt: Primus- Verlag 2007, 208 S., Abb. ---- Buchvorstellung: hier


    • Ehem. Zisterzienserkloster La Chalade (Meuse / Maas)


    Ehemaliges Zisterzienserkloster Eberbach
      Zisterzienser-Literatur im Klosterladen Eberbach
      Vgl.: Ralf Frenzel (Hg.):
      Kloster Eberbach. Geschichte  und Wein. 

      Wiesbaden: Tre Torri 2015, 240 S., Abb.
      Frankreich
      • --- M.-Anselme Dimier / Jean Porcher: Die Kunst der Zisterzienser in Frankreich.
        Aus dem Französischen von Gisela Umenhof und Karl Kolb.
        Würzburg: Zodiaque-Echter 1968, 367 S., Glossar, Abb.


      --- Pauline de PrévalUne saison au Thoronet. Carnets spirituels  --- Paris: Seuil 2015, 208 S. 

      Julie Roux (réd.): Les Cisterciens.
      Vic-en-Bigorre: MSM 1998, 2005, 225 S., Abb.

      L'aventure cistercienne débute en 1098, lorsque Robert de Molesme, Albéric et Etienne Harding, animés par la volonté d'un retour à la Règle de saint Benoît, fondent, en un lieu appelé Cistels, leur Novum Monasterium. Avec Bernard de Clairvaux, l'Ordre de Cîteaux multiplie ses fondations. Appréciés des pouvoirs religieux et politiques, grands organisateurs, ceux que l'on a appelés les moines blancs façonnent une théologie mystique originale, tout en ouvrant de nouvelles voies à l'art et à l'architecture. Aujourd'hui encore, les fils spirituels des fondateurs de l'Ordre, membres de la grande famille cistercienne, continuent à en écrire l'histoire.
      ehemaligen Universität der Zisterzienser in Paris 
      Le Collège des Bernardins     

       

      Préface: André Vingt-Trois ---
      hors série , numéro 370  (septembre 2008)










      Reinhard Kirste

      Freitag, 20. Oktober 2017

      Beyza Bilgin: Der dialogische Weg einer mutigen türkischen Religionspädagogin

      Die türkische Religionspädagogin
      Beyza Bilgin (geb. 1935 in Izmir) gehört unbestritten zu den Vorreiterinnen des interreligiösen Lernens im Kontext des Islam. Von 1988 bis 2002 hatte sie den Lehrstuhl für Religionspädagogik an der Universität Ankara inne. Sie hat dort und bei zahlreichen Vorträgen und Seminaren in Europa, besonders in Deutschland, bemerkenswerte Initiativen entwickelt. 

      Der Theologe und Pädagoge Johannes Lähnemann (Universität Erlangen-Nürnberg) hat diese Impulse konsequent aufgenommen. Im Jahre 2007 veröffentlichte er die Vorträge, die Beyza Bilgin auf Deutsch während mehrerer Konferenzen, besonders im Rahmen der Nürnberger Foren zur Kulturbegegung, gehalten hat.

      Beyza Bilgin (Hg. Johannes Lähnemann): 
      Islam und islamische Religionspädagogik in einer modernen Gesellschaft, 

      Berlin LIT Verlag 2007, 208 S.



                              INHALTSVERZEICHNIS


                 I.  Grundfragen des Islam zu Beginn
             des 3. Jahrtausends

                  1.1          Was will der Islam?

                  1.2           Fragen an den Islam

      1.3           Der Koran als Kriterium religiöser Praxis
                      1.4            Die Stellung der Frau im Islam

      1.5          Die Hinwendung zum Nächsten im Islam

                  1.6           Islam und Toleranz
      1.7           Religion und Laizismus in der Türkei

      II.  Islamische Erziehung
                    im Kontext der Türkei und Europas

      2.1           Europa eine Seele geben

                2.2          Das Verständnis der Erziehung in einem
                  laizistischen Land am Beispiel der Türkei

      2.3         Erziehung und Bildung in der Türkei und in Deutschland

                2.4          Korankurse, ihre grundlegenden Ziele
                  und ihre Unterrichtsinhalte

      2.5         Lehrerinnen mit Kopftuch




                 III.  Fragestellungen einer zeitgemäßen
                     islamischen Religionspädagogik


                   3.1             Ist in einer modernen Gesellschaft 
                             Religionsunterricht notwendig?

                     3.2           Ansätze interreligiösen Lernens
                                 in der islamischen Religionspädagogik

                     3.3               Islamische und christliche Religionspädagogik
                                                        – was können sie voneinander lernen? 

       3.4     Das Prinzip der Liebe
                                       in der islamischen Religionspädagogik
                                          und in den Unterrichtswerken der Türkei
      3.5.       Religiöse Erzählungen als Grundlage
                             der Bildung ethischer Werte

                 3.6           Prophetengeschichten als Inspiration
                   für ethische Bewusstseinsbildung 



      Eine komprimierte Fassung des religionspädagogischen Ansatzes bietet:
      Beyza Bilgin: Ansätze interreligiösen Lernens in der islamischen Religionspädagogik
      In: Andreas Renz / Stephan Leimgruber (Hg.):
      Lernprozess Christen Muslime. Gesellschaftliche Kontexte - Theologische Grundlagen. Forum Religionspädagogik interkulturell, Bd. 3.
      Münster u.a.: LIT 2002, S. 300-310
      Leseprobe: hier


      Johannes Lähnemann zeichnet in seiner Einführung zu den gesammelten Aufsätzen von Beyza Bilgin das Porträt einer engagierten Religionspädagogin, deren Impulse den christlich-islamischen Dialog gerade im Blick auf die Schule vertieft haben.

      Vorträge einer mutigen Pädagogin
      Eine Einführung

      „Das Prinzip der Liebe als Grundlage der Erziehung im Islam“: Dieser Titel der Dissertation von Beyza Bilgin aus dem Jahr 1971 ist Programm. 
      Beyza Bilgin ist der Überzeugung, dass die Liebe notwendig zum Glauben gehört, und dass, wer von der Liebe Gottes weiß, darum auch die anderen Menschen lieben wird. Das betrifft zentral den Umgang mit Kindern: Ihnen zugewandt sein, Ihnen Erfahrungen des Angenommenseins vermitteln, ihre Fragen ernst nehmen und mit ihnen Lernende zu sein, das ist für sie nicht nur die Leitidee der Religionspädagogik, sondern geübte Praxis.
      Wer Beyza Bilgin begegnet, trifft auf eine die Herzen öffnende, eine mutige Frau. Freundlichkeit, Bescheidenheit, Güte – auf der Basis einer tiefen Religiosität, gepaart mit lebendiger und kluger Argumentation; es sind die Dinge, die man sich von einer Erzieherin, zumal einer religiösen Erzieherin wünscht.
      Auf ihrem pädagogischen und akademischen Weg hat Beyza Bilgin immer weitere Kreise erreicht: 1935 in Izmir geboren, erwarb sie 1960 ihren B.A. in Theologie an der Universität Ankara. Von 1960-1965 war sie Gymnasiallehrerin an Imam Hatip-Schulen (religiös ausgerichteten Gymnasien in der Türkei). Sie war die erste Freitagspredigerin in der Türkei und ist bekannt durch ihre Rundfunksendungen als Erzählerin zu religiösen Themen, aber auch im Fernsehen. Gestützt wird Beyza Bilgin in ihrem Engagement von ihrer Familie, ihrem Mann (von Beruf Architekt) und ihren beiden Töchtern, Elif und Pinar.
      Der Frage der religiösen Erziehung in der Türkei und besonders an den Gymnasien hat sich Beyza Bilgin in der Arbeit gewidmet, auf Grund derer sie 1979 Assistenzprofessorin an der Theologischen Fakultät der Universität Ankara wurde.
      Die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts waren dann von einer doppelten Entwicklung geprägt:
      1) der Einführung von Religionskultur und Ethik als obligatorischem Unterrichtsfach an türkischen Schulen,
      2) dem beginnenden internationalen Austausch in der Religionspädagogik, besonders mit Deutschland.[1]
      Das Jahr 1982 stellt insofern einen Einschnitt dar, als in diesem Jahr Religionskultur und Ethik (vom 4. Schuljahr an) obligatorisches Fach in allen Schulen der Türkei geworden ist. Nachdem im Rahmen der Atatürkschen Reformen zunächst Religion aus dem Bildungswesen der Türkei ausgeschlossen worden war, hatte es nach 1945 in mehreren Stufen die Wiedereinführung islamischer Religionserziehung gegeben – beginnend 1949 mit der Gründung der Islamisch-Theo­logischen Fakultät an der Universität Ankara. Damit versuchte man, an das rei­che religiös-kulturelle Erbe Kleinasiens und des osmanischen Reiches anzuknüpfen und gleichzeitig ein Gegengewicht gegenüber einer Volksfrömmigkeit zu bilden, in der sich viele abergläubische  Elemente verbreitet hatten.
      Beyza Bilgin wurde dabei zur Protagonistin, die bewusst den Anschluss an die Moderne suchte – theologisch wie pädagogisch. Sie führte bereits eine Form von Problemorientierung in die islamische Religionspädagogik ein, indem sie bewusst dafür eintrat, die religiösen Fragen und Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler als didaktischen Ansatzpunkt für die pädagogischen Bemühungen in islamischer Erziehung ernst zu nehmen.[2]
      Und bereits 1984 wurden Kerim Yavuz (ebenfalls türkischer Professor, promoviert in Deutschland) und Beyza Bilgin gebeten, die Richtlinienarbeit „Religiöse Unterweisung für Schüler islamischen Glaubens“ in Nordrhein-Westfalen im Landesinstitut für Schule und Weiterbildung Soest zu beraten. Der theologisch-pädagogische Ansatz dieses ersten ausgearbeiteten Curriculums – nämlich durchgängig Grundlagen des Islam und den Alltag der Kinder in Deutschland zu verschränken und die drei Bereiche „Erlebte und erfahrene Umwelt“, „Pflichten, Kult und Brauchtum“ sowie „Religiöses Wissen“ konsequent aufeinander zu beziehen, wurde von ihnen mit inspiriert und mit getragen.[3]
      Im Jahr 1988 übernahm Beyza Bilgin den Lehrstuhl für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät der Universität Ankara, den sie bis 2002 innehatte.
      In diesen Jahren ist Beyza Bilgin oft zu Vorträgen und Kongressen in Deutschland gewesen, und der religionspädagogische Austausch erreichte eine inhaltliche Qualität und Differenzierung, die auf der offiziell politischen Ebene – und angesichts bleibender Probleme hinsichtlich der Minderheitensituationen in der Türkei – noch nicht eingeholt sind.
      Es ist ein Anliegen dieses Bandes, die Vorreiterrolle der Religionspädagogik bei Begegnung, Verständigung und Kooperation zwischen der Türkei und Deutschland wie zwischen Islam und Christentum sichtbar zu machen und damit sowohl die Diskurse über das Verhältnis der Türkei zu Europa als auch die Integrationsdebatte in Deutschland zu inspirieren.
      Besondere Kontinuität erreichte die Mitarbeit von Beyza Bilgin in Deutschland durch die regelmäßige Teilnahme an den in dreijährigem Abstand veranstalteten Nürnberger Foren einer Erziehung zu Religions- und Kulturbegegnung: Vom 3. Nürnberger Forum 1988 bis zum 9. Forum 2006 war sie insgesamt sieben Mal an den Kongressen in Nürnberg beteiligt und hat die zunehmende regionale und interreligiöse Entgrenzung wie auch Spezifizierung und Konkretisierung des internationalen Austausches erfahren und mit getragen. Die Titel ihrer Beiträge, die bis auf die beiden letzten von 2003 und 2006 in diesem Buch abgedruckt werden, machen diesen Weg deutlich:
      Ihr Grundthema, das ihr seit ihrer Dissertation am Herzen liegt,  korrespondierte in besonderem Maße dem Anliegen des 3. Nürnberger Forums 1988 – „Weltreligionen und Friedenserziehung“: „Das Prinzip der Liebe in der islamischen Erziehung und in den Unterrichtswerken der Türkei“ (Beitrag 3.3 in diesem Band).[4]
      Die Ausführungen über „Das Verständnis religiöser Erziehung in einem laizistischen Land am Beispiel der Türkei“ (Beitrag 2.2 in diesem Band) beim Forum 1991 wurden hinein gezeichnet in die Gesamtthematik „Das Wiedererwachen der Religionen als pädagogische Herausforderung“ – angesichts der Tatsache, dass sich die Faktoren „Nation“ und „Religion“ auch nach der Überwindung der radikalen Konfrontation zwischen dem „Westen“ und dem Ostbock als unerledigt erwiesen haben.[5]
      Das 5. Nürnberger Forum 1994 zum „Projekt Weltethos in der Erziehung“ nahm in gewisser Weise die Globalisierungsdebatte vorweg und inspirierte in Zusammenarbeit mit Hans Küng Wege, um den globalen Entwurf  eines Weltethos im interreligiösen Dialog und in der Pädagogik zur Geltung zu bringen. Indem Beyza Bilgin dabei über „Religiöse Erzählungen als Grundlage ethischer Bildung in der Schule“ (Beitrag 3.5 in diesem Band) referierte, wertete sie ein Potential aus, das aus den Religionen heraus genuine Bilder, Visionen und Perspektiven in den Globalisierungsprozess einbringen kann. Dass das Projekt Weltethos ein Referenzpunkt sein kann für kooperative interreligiöse religionspädagogische Bemühungen, hat sie des weiteren dadurch gezeigt, dass sie mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Weltethos-Erklärung ins Türkische übersetzte und sie damit dem dortigen theologischen, ethischen und religionspädagogischen Diskurs zugänglich machte.
      Das Jahr 1997 war wieder von einem doppelten Austausch geprägt:
      der deutschen Beteiligung 
      an dem Symposium zur Religionserziehung in Ankara[6] und dem Beitrag von Beyza Bilgin zum 6. Nürnberger Forum, bei dem sie über “Islamische und christliche Religionspädagogik – Was können wir voneinander lernen?” (Beitrag 3.3 in diesem Band) referierte und die Bilanz unserer bisherigen Zusammenarbeit im Blick auf den bevorstehenden Milleniums-Übergang in die Gesamtthematik „Interreligiöse Erziehung 2000. Die Zukunft der Religions- und Kulturbegegnung“ einbrachte.[7]
      Eine neue Qualität und Konkretion erreichte die Zusammenarbeit im Übergang des 20. zum 21. Jahrhundert: durch das Forschungsprojekt „Die Darstellung des Christentums in Schulbüchern islamisch geprägter Länder“, geleitet von Professor Klaus Hock/Rostock und mir und gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, bei dem die türkischen Schulbücher pilotmäßig untersucht wurden, durch die internationale Beteiligung am neuen Unterrichtsprogramm für das Fach Religionskultur und Ethik in der Türkei und durch den Aufbau der Ausbildung islamischer Religionslehrerinnen und –lehrer an der Universität Erlangen-Nürnberg unter Mitwirkung von Kolleginnen und Kollegen aus der Türkei, besonders wiederum der Theologischen Fakultät der Universität Ankara.
      Eine Schlüsselfunktion hatte dabei der internationale Kongress im April 2001 in Istanbul, bei dem das neue Unterrichtsprogramm für das Schulfach Religionskultur und Ethik in der Türkei vorgestellt und mit Kolleginnen und Kollegen aus Europa und dem Mittelmeerraum erörtert wurde.[8] In diesem Programm wird darauf Wert gelegt, dass man sich bei der Darstellung der verschiedenen Religionen um Objektivität bemühen solle und dass die Erziehung zur Toleranz ein notwendiges Leitziel des gesamten Unterrichts sein müsse. 
      In den Arbeiten der türkischen Kolleginnen und Kollegen drückt sich das zunehmend in dem Anliegen aus, die Selbstsicht der anderen Religionen ernst zu nehmen. Führend sind dabei neben Beyza Bilgin auch ihre Schülerinnen und Schüler, voran Prof. Dr. Mualla Selcuk, die derzeitige Dekanin der Theologischen Fakultät Ankara, und Prof. Dr. Cemal Tosun, Lehrstuhlinhaber für Religionspädagogik an dieser Fakultät. Die internationalen Referentinnen und Referenten bei dem Kongress in Istanbul rekrutierten sich weitgehend aus Kolleginnen und Kollegen, die beim 7. Nürnberger Forum im Jahr 2000 zum Thema „Spiritualität und Ethik - Erbe und Herausforderung der Religionen“ mitgewirkt hatten. Bei ihm hatte Beyza Bilgin über „Prophetengeschichten als Inspiration für ethische Bewusstseinsbildung“ (Beitrag 3.6 in diesem Band) gesprochen, ein Thema also, das auch religionsübergreifend pädagogisch relevant ist.[9] Sie exemplifiziert es an einem der theologisch schwierigsten Themen, nämlich der Theodizeefrage. Die Frage des ungerechtfertigten Leidens stand für sie nach dem schrecklichen Erdbeben in der Türkei vom 17. August 1999 aktuell im Raum, und sie hat sich in ihren theologischen Überlegungen sehr bewusst auf das Buch Hiob im Alten Testament bezogen.
      Insgesamt werden in diesem Band 18 Vorträge wiedergegeben, die Beyza Bilgin in Deutschland gehalten hat. Es gab zu ihnen – neben den Nürnberger Foren - verschiedene Anlässe und Einladungen: u. a. bei Moscheevereinen, in Universitäten, bei kirchlichen Akademieveranstaltungen, in der Erwachsenenbildung. Sie sollten einem breiten Publikum zugänglich sein, sind grundsätzlich allgemein verständlich und deshalb zumeist nicht streng akademisch ausgearbeitet. Sie erheben keinen Absolutheitsanspruch, sondern laden vor allem zum Nachdenken und zum Dialog ein.
      Obwohl sich die Beiträge einer starren Systematisierung widersetzen, werden sie hier unter drei übergreifenden Gesichtspunkten wiedergegeben:

      • Grundlagen des Islams zu Beginn des 3. Jahrtausends
      • Islamische Erziehung im Kontext der Türkei und Europas
      • Fragestellungen einer zeitgemäßen islamischen Religionspädagogik
      In ihnen spiegeln sich die zentralen Anliegen von Beyza Bilgin: 
      • einen Islam zu entfalten, der toleranz- und pluralismusfähig ist und damit den Herausforderungen einer modernen, von religiöser Vielfalt und verbreiteter Säkularität geprägten Gesellschaft entspricht, wobei immer wieder der Koran selbst als Grundlage eines dynamischen Religionsverständnisses heran gezogen wird,
      • die aktuellen Fragen aufzugreifen, die sich für eine islamische Erziehung vor dem Hintergrund der Entwicklungen in der Türkei im Blick auf die Gesamtentwicklung in Europa und den internationalen Austausch ergeben,
      • die Konturen einer islamischen Religionspädagogik zu entwerfen, die Offenheit und Vielfalt nicht scheut und dialogisch sowohl im Blick auf die Lernenden, Schüler/Schülerinnen, Lehrer/Lehrerinnen, Studenten/Studentinnen, Dozenten/Dozentinnen und Menschen in allen Altersstufen und Lebenskonstellationen angelegt ist.

      Als Religionspädagogin ist ihr darüber hinaus die Stärkung und Ermutigung der Frauen ein besonderes Anliegen. Sie arbeitet konsequent die fortschrittlichen Impulse heraus, die der Koran in der arabischen Gesellschaft des 7. Jahrhunderts gesetzt hat: Eigenständigkeit, Selbstverantwortung, Recht auf Bildung sind für sie Elemente, die der Koran inspiriert hat. In der heiklen Frage des Kopftuchtragens plädiert sie – unter der Prämisse, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse zur Zeit der koranischen Offenbarung keinen kanonischen Rang haben  – begründet gegen ein Gebot in dieser Frage, durchaus im Bewusstsein, dass sie sich damit gegen die Mehrheit traditionsbezogener Islamgelehrter stellt. Aber Denkverbote gibt es für sie nicht.
      Es ist nicht zufällig, dass Beyza Bilgin nicht nur mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde – für ihre Arbeit des Brückenbaus zwischen den Ländern und Religionen –, sondern dass ihr im Jahr 2006 vom Kulturinstitut der Universität Istanbul auch den Preis für die „Frau des Jahres mit dem mutigen Herzen“ verliehen wurde ...

      So ist hier ein Werk im Dialog und für den Dialog entstanden, das Christen und Muslimen wie auch im weiteren Sinne der interessierten Öffentlichkeit in der Türkei und besonders in den deutschsprachigen Ländern, vor allem für die Kinder und Jugendlichen in unseren Gesellschaften mit ihren Familien, ihren Lehrerinnen und Lehrern als Grundlage und Ermutigung zu wachsendem gemeinsamen Lernen dienen kann.

      Nürnberg, im August 2007

                                                    Anmerkungen
      [1] Vgl. zum folgenden J. Lähnemann: Religionspädagogische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Türkei seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts am Beispiel der Universitäten Erlangen-Nürnberg und Ankara. In: J. Lähnemann (Hg.): Visionen wahr machen. Interreligiöse Bildung auf dem Prüfstand. 
      Hamburg 2007. = Pädagogische Beiträge zur Kulturbegegnung 26, S. 346-353.
      [2] S. hierzu R. Wielandt: „Zeitgenössische islamische Religionspädagogik in der Türkei“. 
      In: J. Lähnemann (Hg.): Erziehung zur Kulturbegegnung. Hamburg 1986.=
      Pädagogische Beiträge zur Kulturbegegnung Bd. 3, 293-303.
      [3] Religiöse Unterweisung für Schüler islamischen Glaubens. 24 Unterrichtseinheiten für die Grundschule. Soest (Landesinstitut für Schule und Weiterbildung) 1986, bes. 30.
      [4] B. Bilgin: Das Prinzip der Liebe in der islamischen Erziehung und in den Unterrichtswerken der Türkei.
       In: J. Lähnemann (Hg.): Weltreligionen und Friedenserziehung. Wege zur Toleranz. Schwerpunkt: Christentum – Islam. Hamburg 1989. = Päd. Beiträge zur Kulturbegegnung Bd. 7, 36-43.
      [5] B. Bilgin: „Das Verständnis religiöser Erziehung in einem laizistischen Land am Beispiel der Türkei“.
      In: J. Lähnemann (Hg.): Das Wiedererwachen der Religionen als pädagogische Herausforderung. Interreligiöse Erziehung im Spannungsfeld von Fundamentalismus und Säkularismus. Hamburg 1992.  = Pädagogische Beiträge zur Kulturbegegnung Bd. 10, 190-200.
      [6] Uluslarasi Din Egitimi Sempozyumu 20-21 Kasim 1997.
      Ankara Üniversitesi Ilahiyat Fakültesi ve TÖMER Dil Ögretim Merkezi.
      [7] B. Bilgin: Islamische und christliche Religionspädagogik – Was können wir voneinander lernen.
       In: J. Lähnemann (Hg.): Interreligiöse Erziehung 2000. Die Zukunft der Religions- und Kulturbegegnung. Referate und Ergebnisse des Nürnberger Forums 1997. Hamburg 1998.
      = Pädagogische Beiträge zur Kulturbegegnung Bd. 16, 250-258.
      [8] Der gesamte Kongress ist – z.T. dreisprachig – dokumentiert in T.C. Milli Egitim Bakanligi.
      Din Ögretimi Genel Müdürlügü: Din Ögretiminde Yeni Yöntem Aralaslari
      (New Methodological Appoaches in Religious Education). Ankara 2003.
      [9] B. Bilgin: Prophetengeschichten als Inspiration für ethische Bewusstseinsbildung.
      In: J. Lähenmann (Hg.): Spiritualität und ethische Erziehung. Erbe und Herausforderung der Religionen. Hamburg 2001. = Päd. Beiträge zur Kulturbegegnung Bd. 20, 388-395.